" Ein Dorfpostamt in ?sterreich unterscheidet sich wenig vom andern: wer eines gesehen, kennt sie alle. In der gleichen franziskojosephischen Zeit aus dem gleichen Fundus mit den gleichen k?rglichen Einrichtungs- gegenst?nden bedacht oder vielmehr uniformiert, ent?u ern sie allerorts den gleichen m?rrischen Eindruck ?rarischer Verdrossenheit, und bis un- ter den Atem der Gletscher, in die abgelegensten Gebirgsd?rfer Tirols bewahren sie hartn?ckig jenen unverkennbaren alt?sterreichischen Amtsgeruch aus kaltem Knaster und muffigem Aktenstaub. ?berall ist die Raumeinteilung die gleiche: in einem genau vorgeschriebenen Verh?ltnis teilt eine vertikale, mit Glasscheiben durchbrochene Holzwand das Zim- mer in ein Diesseits und Jenseits, in eine allgemein zug?ngliche und in die dienstliche Sph?re. Da der Staat auf ein l?ngeres Verweilen seiner B?rger innerhalb der allgemein zug?nglichen Abteilung geringes Ge- wicht legt, wird durch das Fehlen von Sitzgelegenheiten und jeder sonstigen Bequemlichkeit augenf?llig. Als einziges M?bel lehnt im Publikumsraum meist nur ein zittriges Stehpult ?ngstlich an der Wand, den rissigen Wachsleinwand?berzug von unz?hligen Tintentr?nen geschw?rzt, ob- wohl sich niemand erinnern kann, jemals in dem eingesenkten Tintenfa etwas anderes als eingedickten, mulmigen, schreibuntauglichen Brei wahrgenommen zu haben, und wenn zuf?llig eine Feder zur Stelle in der geh?hlten Rinne liegt, so erweist sie sich zuverl?ssig als abgespragelt und schreibuntauglich."
| Author: Stefan Zweig |
| Publisher: Culturea |
| Publication Date: 45088 |
| Number of Pages: 262 pages |
| Binding: Literary Collections |
| ISBN-10: |
| ISBN-13: 9791041816200 |